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Montag, 7. Mai 2012

Über die Alpen. Die Bike Transalp Challenge 2009

Tag 0. Von Franfurt nach Mittenwald.

Freitag, 17.07.2009. Frankfurt. Es geht los. Das wahrscheinlich immer noch kleinste Teammobil aller knapp 1200 Transalpteilnehmer ist wieder unterwegs. An Bord sind Jens, Swantje, unsere Betreuerin, Motivatorin, Kofferschlepperin und Fahrerin des Teamcars und ich, Jörg. Es geht nach Mittenwald – dem Startort der diesjährigen Jeantex Bike Transalp powered by Nissan. Immerhin sind wir keine Newbies mehr und wissen was uns erwartet – und wie man so geschickt packt, dass selbst Jensos Kaffeemaschine noch ein Plätzchen findet – über den 30 Kilo-Eimer Isopulver, den er außerdem noch im Gepäck hat hüllen wir an dieser Stelle besser den Mantel des Schweigens...
In Mittenwald angekommen, checken wir schnell im Rennbüro ein, holen unsere Roadbooks und die Taschen ab und schon sind wir im Hotel. Noch scheint die Sonne aber es ist drückend heiß und die ersten Gewitter kündigen sich an. Dennoch bin ich optimistisch, dass es für morgen wettermäßig nicht ganz so schlimm kommt wie vorhergesagt. Mal sehen. Schnell präparieren wir die Bikes und gehen Essen. Nudeln. Klar. Beim Essen dieersten Schauer, beim Eis zum Nachtisch scheint aber schon wieder die Sonne. Zurück im Hotel harte Verhandlungen mit der Hotelwirtin über die Frühstückszeit. Sie scheitern – unfreundlich weigert sie sich, das Frühstück vor 7.00 anzubieten. Leicht ärgerlich verschwinde ich im Bett...






Etappe 1. Von Mittenwald nach Reith.

Samstag, 18.07.2009 Mittenwald. 4.00 Uhr. Prasselnder Regen hat mich geweckt. Außerdem ist es im Zimmer saukalt. Mist. Der Wetterumschwung hat uns doch voll erwischt. Mit der Aussicht auf eine nasse Startetappe verkrieche ich mich wieder unter den Kissen. 6.30 Uhr. Aufstehen. Es regnet immer noch. Die Wolken hängen tief am Berg. es ist noch kälter geworden. Ich würde am liebsten weiterpennen, aber es hilft ja nix. Also raus. Zum Frühstück. Wider Erwarten ist das Frühstück fertig und die Wirtin freundlich. Sie hat sogar Mülltüten für mich. Skeptischer Blick nach draußen: es regnet stärker. Jens schnappt sich auch noch ein paar Mülltüten, dann machen wir uns fertig zum Start. Ich trage 4 Lagen am Körper, darüber kurze Regenhose und Regenjacke. Die Füße stecken gut verpackt in Mülltüten, die bleiben also garantiert trocken. Perfekt. Scheiß auf den Regen. Relativ gut gelaunt rollen wir runter zum Start – und wundern uns: Der Startblock ist komplett leer. Cool. Endlich stehen wir mal ganz vorne. Denkste. Denn die Etappe ist abgesagt: abgesagt wegen ein paar Zentimetern Schnee?
Schneefall ab 1400 m über NN machen den Start für den Veranstalter zu riskant.
Bitte? Eine Etappe des härtesten Rennens über die Alpen wird Wir können es kaum glauben, sind ärgerlich denn wir wären gerne gefahren. Andererseits: am Start stehen tatsächlich Biker in kurzen Trikots und kurzen Hosen, drüber nur eine leichte Regenjacke. Für diese Biker ist an einen Start nicht zu denken – klar also, dass der Veranstalter auf sie Rücksicht genommen hat. Gut ist: wir haben heute keine Zeit auf die Führungsteams verloren. Gut ist auch: wir müssen nicht auf Busse warten, sondern können sofort nach Reith im Alpbachtal aufbrechen, wo es morgen weitergehen soll. Schnell sind wir in Reith und besetzen sofort die Hotel-Ergometer.
Eine Stunde strampeln damit die Beine locker bleiben. Draußen regnet es weiter, die Schneefallgrenze sinkt weiter ins Tal. Gerade als wir uns fragen, ob der Start morgen überhaupt stattfinden wird, die erlösende Nachricht: es wird gestartet. Allerdings wird die Route geändert und die Strecke verkürzt. Aufgrund des Neuschnees wird das Geiseljoch gestrichen. Schade. Aber immerhin: es geht morgen endlich los.




Etappe 2. Von Reith nach Mayrhofen.

Sonntag, 19.07.2009 Reith im Alpbachtal. Später als üblich klingelt der Wecker. Kein Problem – wegen der Etappenkürzung wurde der Start nach hinten geschoben. Der Blick nach draußen verrät: es hat endlich aufgehört zu regnen. Puh. Ich schalte das TV ein und zappe mich durch die Panoramabilder. Auf 1600m über NN hat es schon + 5°C. Schnee liegt zwar, aber die Wege kann man erkennen. Kurz ärgere ich mich noch mal über den Wegfall des Geiseljochs doch dann setzt sich die Freude darüber durch, dass es endlich losgeht. Ich fühle mich gut und hoffe, dass es Jens ähnlich geht.
Beim Frühstück treffen wir wieder auf viele andere Teams und auch Uli Stanciu, der Erfinder der TAC sitzt am Nebentisch. Ein Müsli (Bäh, das Bircher war sauer) und 3 Brötchen später sitzen wir auf den Bikes. Es ist nach wie vor empfindlich kalt aber die Sonne scheint schon durch die Wolken. Kurzes Warmfahren, dann reihen wir uns in den Startblock ein. Und schlagartig ist es wieder soweit: Aus den Boxen dröhnt zum ersten Mal für dieses Jahr der Transalp-Klassiker „Highway to hell“, der Startschuss fällt und das Feld setzt sich in Bewegung. Wir kommen gut weg, fahren ziemlich weit vorne in den ersten Berg. Schnell erreichen wir den Kerschbaumer Sattel, den ersten Gipfel des Tages und stürzen uns in die Abfahrt. Dann der nächste und letzte Anstieg zum Loassattel. Ich finde sofort meinen Rhythmus doch Jens hat plötzlich Probleme. Ich sehe ihm an, dass er sich schwer tut, dass er kämpft. „Was ist los?“ „Bekomme keine Luft mehr“. Merde. Mittlerweile ist es auch schon richtig warm – das macht es nicht leichter. Langsam arbeiten wir uns Meter für Meter nach oben. Nuckingfutz – Pierre und Steffen aus Frankfurt – kommen vorbei, quatschen kurz mit uns und schon sind sie weg. Schließlich erreichen auch wir den Gipfel. Jens ist total ausgepumpt und zum ersten Mal freuen wir uns über die Streckenkürzung. Heute offensichtlich eine glückliche Entscheidung für uns. Die Abfahrt ins neue Etappenziel Schwaz ist einfach und zunächst sauschnell doch die letzten welligen Kilometer ins Ziel sind noch mal richtig zäh. Jens muss noch mal richtig beißen, dann taucht endlich der Zielbogen auf.
Geschafft. Eigentlich. Doch wir müssen noch bis Mayrhofen – ins ursprünglich geplante Etappenziel. Viele Teams nehmen den Zug oder lassen sich abholen. Wir dagegen entscheiden uns locker auszufahren und können so zum ersten Mal bei einem Rennen auch wirklich die Landschaft genießen. Nach 30 Kilometern rollen wir in Mayrhofen ein und werden positiv überrascht: obwohl es hier um nix mehr geht, sind viele Zuschauer am Ziel und die Atmosphäre ist super. Super sind auch das Eis und die Bratwurst kurz später. Darauf packen wir noch eine Flädlesuppe und einen riesigen Nudelteller und schon liegen wir wieder im Bett.








Etappe 3. Von Mayrhofen nach Brixen.

Montag, 20.07.2009 Mayrhofen. Heute wartet das Pfitscherjoch auf uns. Insgesamt nur knapp über 2100 Höhenmeter. Eigentlich also eine Flachetappe. Jens fühlt sich besser, wir sind guter Dinge, heute ein paar Plätze gutzumachen. Warmfahren müssen wir heute nicht – direkt nach dem Start geht es in den Berg. Dumm ist, dass wir relativ weit hinten im Startblock stehen und so kommt es wie es kommen muss: Stau direkt nach dem Start. Langsam schlängeln wir uns durch die Massen vor uns, machen dennoch Platz um Platz gut bis die Straße rauf zum Schlegeisspeicher endlich breiter wird und wir richtig Gas geben können. Relativ schnell kommen wir jetzt weiter nach vorne – und werden kurz nach der ersten Verpflegung hinterm Stausee jäh gestoppt: der erste Trail dieser Transalp und alles schiebt. Wir reihen uns ein und stoßen und zerren unsere Bikes nach oben. Ein paar Wanderer kommen uns entgegen, feuern uns an. Mir tun sie leid – bis sie nach unten können wird es wohl noch ein Weilchen dauern. Dann endlich wieder ein Schotterweg – die letzten Höhenmeter zum Gipfel kann man fahren. Rechts und links des Wegs liegt Schnee, der Himmel ist tiefblau. Alpenkitsch pur.
Jippee.
Wir ziehen uns die Windjacken über und runter geht’s. 64 schnelle Kilometer nach Brixen. Zuerst Schotter, dann Teer. Ich werde schneller und schneller, schaue kurz auf den Tacho und sehe eine 9 vorne. Bloß schnell wieder nach vorne schauen. Und bloß keine Bodenwelle oder ein Schlagloch übersehen. Es wird wieder flacher und jetzt zahlt sich unser Rennradtraining voll aus. Perfekt wechseln wir uns in der Führung ab und rasen gegen den Wind gen Brixen. Noch zehn Kilometer, dann noch fünf. Runter vom Teer, rein in einen Trail. Superschön zu fahren, dann ein paar technische Stellen mit engen Kehren und ein paar wurzeldurchsetzten Stufen. Wir meistern sie souverän – im Gegensatz zu ein paar Italienern direkt vor uns. Links liegt einer in den Büschen, der Rest der Gruppe schiebt. Gut für uns, wieder ein paar Plätze gut gemacht. Noch zwei Kilometer, noch einer, dann sind wir da.
Swantje versorgt uns sofort mit Getränken und mich (ich habe ein ganz eigenes zur unbedingten Nachahmung empfohlenes Afterrace-Ernährungskonzept) zusätzlich mit Brezeln und einer leckeren luftgetrockneten Salami. Nuckingfutz kommt ins Ziel, wir unterhalten uns kurz, dann setzen wir uns erst mal in ein Straßencafe und genießen, dass es so gut gelaufen ist für uns. Ob die anderen Gäste es auch genießen können ist nicht ganz sicher – die Strapazen des Tages riecht man uns an. Also schnell ab ins Hotel. Zuerst werden die Bikes geduscht, dann duschen wir uns selbst. Es folgt ein beherzter Sprung in den Pool. Pool? Ja. Whirlpool auch. Denn im Gegensatz zu gestern residieren wir heute wie die Könige. 4**** mit einer traumhaften Aussicht über Brixen – was will man mehr? Unsere bestellten Nudeln und Pizzen vielleicht. Doch der Service des Restaurants in dem wir eingekehrt sind, ist überlastet. Zu viele Biker geben zu viele Bestellungen auf. Als das Essen da ist, ist es auch ratzfatz wieder weg. Der Hunger war riesig. Das Eis zum Dessert lassen wir ausfallen, stattdessen nehmen wir einen Espresso. Schließlich sind wir in Italien, da gehört sich das so. Zurück im Hotel falle ich satt und zufrieden ins Bett. Die Augen fallen mir schon zu als mir einfällt, dass ich gar nicht weiß wie schnell ich heute war. Also schnell noch mal den Tacho checken: 98,4 km/h. Wow. Zufrieden schlafe ich ein.





Etappe 4. Von Brixen nach St. Christina.

Dienstag, 21.07.2009 Brixen. Die Königsetappe. 3665 Höhenmeter und 83,52 Kilometer warten auf uns. Außerdem ist es wieder sehr warm – schon beim Start zeigt das Thermometer 22°C. Immerhin: einige Nonnen unter den Zuschauern leisten geistlichen Beistand – es dürfte also eigentlich heute nix schief gehen. Laut und krachend dröhnt plötzlich „Highway to hell“ aus den Boxen, ich frage mich kurz, was die Nonnen wohl jetzt denken und schon geht es los. Zuerst flach und schnell aus Brixen raus und – zack – rein in den ersten Stau. Das komplette Feld muss über eine schmale Brücke. Wir stellen uns brav an, dann kommt der komplette letzte Startblock vorbei, drängelt sich vor. Jens nimmt es locker aber ich könnte kotzen. Denn alle die sich jetzt vordrängeln, werden uns beim nächsten Anstieg im Weg stehen und ordentlich Zeit kosten. 5 Minuten später setzt sich der Tross endlich wieder in Bewegung.
Meine Befürchtungen bewahrheiten sich – anfangs ist der Weg so schmal, dass man kaum überholen kann. Ich koche, beruhige mich aber damit, dass es noch weit ist bis ins Ziel. Vielleicht gar nicht so schlecht, ein paar Körner zu sparen. Endlich wird der Weg breiter, es geht rauf zum Würzjoch. Erste Gruppen bilden sich, Jens und ich arbeiten uns wieder langsam nach vorne. An einer der supersteilen Rampen überholen wir Pierre und Steffen. Pierre sieht nicht so gut aus, die beiden sind aber trotzdem gut drauf. Dann die letzten Kilometer rauf zum Joch. Teer. Wir machen noch mal ordentlich Dampf und weitere Plätze gut. Schnell runter nach St. Magdalena und schon geht es rein in den Anstieg zur Schlüterhütte und dem Kreuzkofeljoch – mit über 2300m dem Dach der diesjährigen Transalp. Die Sonne brennt mittlerweile unerbittlich vom Himmel, gut dass wir unsere Flaschen an der letzten Verpflegung kurz vorher noch mal bis zum Anschlag gefüllt haben. Doch der Anstieg zieht sich, der Schweiß rinnt in Strömen, brennt in den Augen. Jeder Luftzug tut gut, doch ab und zu können wir sogar die traumhafte Landschaft um uns herum genießen. Dann der Gipfel. Und direkt ein ziemlich anspruchsvoller Trail. Wir kommen gut durch, donnern dann auf Schotter runter nach Campill und schon geht es wieder rauf. Griff zur Flasche: Ups, eine ist leer, die andere nur noch halb voll. Bis zur nächsten Verpflegung sind es noch 20 Kilometer. Ich beginne mir gerade Sorgen zu machen, da steht auch schon ein Helfer mit einem Wasserschlauch am Rand. Kurz stoppen, Flaschen auffüllen und weiter. Es geht nach Covara, mitten durch die Dolomiten. Die Strecke kenne ich – ich war im Winter zum Snowboarden hier. Wir fahren am Mittagstal vorbei, unzählige Wanderer picknicken am Wegesrand. Pause? Leider nicht für uns. Wir müssen weiter, rauf zum Grödnerjoch. Erst auf Trail, dann auf der Passstraße. Am Gipfel kommt kurz Giro-Feeling auf, dann sind wir auch schon wieder auf dem Weg nach unten. Ich überhole ein paar Autos, dann biegen wir von der Straße ab. Grober Schotter macht die Abfahrt schwierig, dann ein sausteiler Schotterweg runter nach Wolkenstein, kurz auf die Straße und schon sind wir im Ziel in St. Christina. Cool, wieder ist es gut gelaufen für uns. Wir schießen noch ein paar Zielfotos, Jens twittert erste Ergebnisse in die WWW-Welt und ich stürze mich auf die Zielverpflegung. Es gibt Panini mit Käse und Salami. Lecker. Swantje erklärt uns ganz nebenbei wo unsere Pension liegt – ziemlich weit oben im Ort. Schluck. Wir schieben ein Stückchen, dann wird mir das zu langweilig, die letzten Meter zur Pension Elisabeth werden wieder gefahren. Geht doch. Oben empfängt uns ein freundlicher Wirt. Er zeigt uns den Bikewash-Platz, erklärt uns dann das Abend-Menü: Knödel, Putenbraten und Apfelküchlein zum Dessert. Wir fragen nach Nudeln, klar geht auch. Perfekt. Ruck zuck putzen wir die Bikes und uns. Jens will sich bis zum Abendessen ausruhen, ich gehe mit Swantje noch mal in den Ort, genießen die Atmosphäre und kaufen endlich ein Transalp Challenge-Fähnchen fürs Auto. Am Talausgang hängen dunkle Wolken, ein Gewitter kündigt sich an. Als wir uns auf den Rückweg machen fängt es an zu regnen. Herrlich. Zurück in der Pension bringe ich kurz das Fähnchen am Auto an, dann sitzen wir auch schon am Tisch. Die Spaghetti sind super, der Rest auch. Im Nebenzimmer laufen die Nachrichten auf Rai Uno. Zuerst ein Bericht zur Tour de France, dann einer zur TAC. Wahnsinn. In Deutschland undenkbar – Mountainbiking in der Tageschau. Kurz erfreuen wir uns an unserem Heldenstatus bei den anderen Pensionsgästen, dann liegen wir schon wieder zeitig im Bett.







Etappe 5. Von St. Christina nach Sarnthein.

Mittwoch, 22.07.2009 St. Christina. Früh bin ich wach. Blick aus dem Fenster – über dem Langkofel geht gerade die Sonne auf. Da ich nicht mehr einschlafen kann, beschließe ich die Zeit bis zum Frühstück für die Bikepflege zu nutzen. Die Kette muss noch geölt werden, außerdem will ich noch die Bremsbeläge checken. Der Werkzeugkoffer ist im Auto, wo ist der Autoschlüssel? Ich suche und suche und finde – nichts. Plötzlich fällt es mir ein. Das Fähnchen! Um es im Fenster einzuklemmen, habe ich die Zündung gebraucht, der Schlüssel steckt noch. Mist. Die Batterie. Wie ein Blitz sause ich nach unten, vorbei am verdutzen Wirt und stürze in die Tiefgarage. Der Schlüssel steckt. Die Batterie ist –stotter, stotter, stotter – leer. Mein Puls saust auf 180, schnell wieder zum Wirt. Ich bete, dass er ein Überbrückungskabel hat. Hat er. Puh. Aber leider wenig Zeit, er muss das Frühstück vorbereiten. Aber er verspricht mir, sich darum zu kümmern, sobald Jens, ich und die beiden anderen Teams das Hotel Richtung Start verlassen haben. Ok. Erst mal beruhigen und frühstücken. Das Frühstück ist wie das Abendessen: Perfekt. Richtig entspannen kann ich mich aber nicht – das Auto. Also frühstücken wir schneller als sonst und gemeinsam mit dem Wirt schaffen wir es das Auto wieder zum Laufen zu bringen. Uff. Schnell packen wir unsere Sachen ins Teammobil und sausen runter zum Start. Trotz (oder wegen?) des Missgeschicks sind wir ausnahmsweise wirklich früh dran und reihen uns ganz weit vorne in Block B ein. Gut, denn direkt nach dem Start geht es auf einer schmalen Passstraße auf den Monte Pana und wer da im Stau steht verliert viel Zeit. Highway to hell und los. Wir lassen es ruhiger angehen als gestern, denn wir wissen was noch kommt: erst der kurze aber knackige Anstieg auf die Seiser Alm, dann der längste Anstieg in der Transalpgeschichte – knapp1700 Höhenmeter am Stück sind es bis zum Gasteiger Sattel. Dennoch sind wir schnell oben auf der Seiseralm. Busse spucken Heerscharen von Wanderern aus, verdutzt schauen sie uns nach. Wir surfen durch die ersten Trails des Tages, dann geht es rasend schnell wieder bergab. teils auf Schotter, teils auf Asphalt rasen wir nach Waidbrück. Auf der Straße halten uns Autos auf, überholen ist mir aber zu riskant – zuviel Gegenverkehr. Im Tal angekommen merke ich wie heiß es auch heute wieder ist. Die Luft steht. Prima Aussichten für den Hammeranstieg hoch zum Gasteiger Sattel. Aber trotz der Hitze erhöhen wir das Tempo und holen Team um Team ein. Am Rand stehen zum Glück vereinzelt Anwohner und versorgen uns und die anderen Fahrer mit Wasser. Endlich erreichen wir die Verpflegungsstation und tanken kurz auf: Iso, ein paar Scheiben Melone, weiter geht’s. Doch irgendwie hat uns die kurze Pause den Rhythmus genommen, wir fahren längst nicht mehr so flüssig bergauf wie zuvor und büßen wieder ein paar Plätze ein.
Jetzt bloß nicht hektisch werden, einfach ruhig weiterfahren.
400 Höhenmeter später sind wir oben, eine kurze Abfahrt, dann die letzte Bergwertung des heutigen Tages. Noch mal knapp 300 Höhenmeter, dann eins der absoluten Highlights des ganzen Rennes: 20 Kilometer Abfahrt am Stück – das meiste davon auf teilweise technischen, verblockten Singletrails. Wir kommen gut nach unten, dann eine Bachdurchfahrt, ich bin zu langsam und gehe fast baden – gefilmt werde ich dabei natürlich auch noch – prima. Mit nassen Füßen – die Abkühlung tut gut – rasen wir weiter gen Tal und ein paar Wurzeltrails später sind wir fast da. Noch mal ein sehr steiles technisches Schotterstück bergab und dann noch kurz durch die Wiese in den Ort. Rechts, links, Zieldurchfahrt.

Sarnthein. Jippee. Viele Höhenmeter, viele schwierige Trails, kein Platten, kein Sturz. Wir sind zufrieden. Zielverpflegung. Wie immer nimmt Jens einen vorbildlichen Shake, ich widme mich einer nicht ganz so vorbildlichen aber dafür leckeren Salami samt Brezel. Kurz darauf schnallen wir die Räder aufs Dach unseres wieder flotten Teammobils und Swantje kutschiert uns in unser Hotel im Nachbarort. Wir putzen die Bikes, dann lassen wir den Tag auf der Terrasse des Hotels ruhig ausklingen.









Etappe 6. Von Sarnthein nach Kaltern.

Donnerstag, 22.07.2009 Sarnthein. Es ist heiß. Als ich morgens nach dem Frühstück mein Bike aus der Hotelgarage schiebe hat es schon 23°C. Egal, auf die heutige Etappe freue ich mich ganz besonders. Denn auf dem Programm stehen wieder jede Menge super Trails, einige davon wollte ich eh schon immer mal fahren. Die am Kreuzjoch und am Stoana Mandln zum Beispiel.
Aber der Reihe nach: zum Warmfahren ging es ohne ein einzigen flachen Meter direkt rauf zum Kreuzjoch. Wieder 1400 Höhenmeter am Stück. Großteils relativ entspannt auf Asphalt und Schotter aber immer wieder auch auf echt schön und flowig zu fahrenden Trails. Jens und ich liegen gut im Rennen, kurbeln schnell und flüssig bergauf zum Joch. Der Trail verändert seinen Charakter, wird teilweise technisch und steil. So steil, dass man stellenweise schieben muss. Dann die Stoana Mandln – eine Ansammlung unzähliger Steinmännchen auf einem kleinen Gipfelplateau. Ca. 150 sollen es sein, es sieht irgendwie außerirdisch aus. Wäre ich nicht als Racer hier würde ich sicher meinen eigenen Mandl bauen – geht aber nicht. Stattdessen rasen wir einen welligen Wiesentrail bergab. Man muss höllisch aufpassen, dass man nicht abhebt oder an den Grassoden rechts und links der ausgefahrenen Fahrspur hängen bleibt. Knapp 1700 Höhenmeter geht es nach unten. Hauptsächlich auf ruppigen Trails. Irgendwann wieder ein kurzes Stück Asphalt, dann wieder Trail. Noch ruppiger diesmal.
Jens verliert Flasche samt Flaschenhalter, die Schrauben haben sich losgerüttelt.
Glück im Unglück: die letzte Verpflegung liegt nur knapp hinter uns, ich habe noch zwei volle Flaschen, Jens noch eine. Dann Vilpian, wir sind im Tal. Erholung gibt es aber keine, es geht gleich wieder steil bergauf zum Eppaner Höhenweg. Die Hitze wird langsam unerträglich, unsere Trinkvorräte werden knapp. Doch es reicht, die Verpflegungsstelle kommt in Sicht. Auftanken, weiter. Auf Schotter, dann ein Trail. Trail? Ein steiler Wanderpfad geht senkrecht nach oben. Riesige Stufen erschweren den Aufstieg zusätzlich. Schieben ist nicht drin. Wir wuchten, zerren und stemmen die Bikes nach oben, das hat mächtig Körner gekostet. Und auch ziemlich viel Flüssigkeit. Schon wieder gehen unsere Trinkvorräte zur Neige, der Verlust der Flasche droht uns zum Verhängnis zu werden. Noch über 20 heiße Kilometer sind es bis ins Ziel.
Kurz rauf, kurz runter, im ständigen Wechsel zwischen Auf und Ab erreichen wir schließlich den Eppaner Höhenweg. Mittlerweile hat Jens gar nix mehr in der Flasche, ich habe noch eine halb volle. Zum Glück geht es jetzt fast nur noch bergab. Wir erreichen den Mendelpass, zwei Kehren später biegen wir ab in den Mendelsteig: ein super Trail, den wir schon aus dem letzten Jahr kennen. Teilweise steil aber immer mit sehr viel Flow fahrbar, windet er sich nach unten. Dann öffnet sich der Wald, vor uns liegt der Kalterer See. Schlagartig wird mir bewusst, wie viel Durst ich habe. Wir teilen uns die letzten Tropfen aus der Flasche und rauschen durch die Weinfelder nach unten. Ein letzter giftiger Anstieg nach Kaltern und wir sind – mittlerweile total ausgetrocknet – da. Swantje versorgt uns sofort mit Getränken und wir lassen uns ein wenig feiern. Im letzten Jahr hatte Jens nach zwei harten Stürzen hier seinen Tiefpunkt, nix ging mehr. Heute sind wir deutlich besser unterwegs und auch deutlich besser drauf. Was nicht mehr drauf ist, sind die Bremsbeläge bei Jens. Er gibt sein Bike zum Service bei Magura ab. Die Wartezeit überbrücken wir wie es sich für ein echtes Spitzenteam gehört: bei einem Megaeisbecher in der Eisdiele nebenan. 45 Minuten später ist das Bike fertig und wir erholt. Swantje bringt uns in unser Hotel am Berg, Jens betreibt Bikepflege, Swantje und ich springen kurz in den Pool. Dann Abendessen und ab ins Bett. Morgen wollen wir früh dran sein.







Etappe 7. Von Kaltern nach Andalo.

Freitag, 23.07.2009 Kaltern. Die letzte harte Etappe dieser Transalp. Wieder über 3000 Höhenmeter, dazu der brutal steile Schlussanstieg rauf nach Andalo. Stanciu verkauft den Anstieg zum Graunerjoch beim Start als „gemütlich“ – wir wissen es aus dem letzen Jahr besser und beschließen, nicht zu schnell anzugehen. Aber die Beine sind gut, unser Rhythmus stimmt und wie fast jeden Tag sind wir bergauf gut unterwegs. 1400 Höhenmeter in sengender Hitze später sind wir am Joch, es folgt ein flowiger Trail, dann wieder eine der rasend schnell zu bewältigenden Teerabfahrten. Kurz vor Vervo steckt ein Bike in der Leitplanke, der Fahrer sitzt benommen daneben. Es sind schon genug Helfer da, für uns geht das Rennen weiter. Wir knallen in einen kurzen Gegenanstieg, dann geht es runter ins Val die Non. Die Temperaturen erinnern mittlerweile an die Tropen, die Hitze flimmert über dem Asphalt. Zum Glück werden die Apfelplantagen bewässert und ab und zu erhaschen wir mal eine paar der kühlen Spritzer. Aber trotz der Hitze – unser Tempo passt.
Über Campodenno geht es nach Spormaggiore, wir verpflegen uns kurz, dann beginnt der Schlussanstieg nach Andalo. Teilweise auf grobem Schotter geht es steil nach oben. Die Rampen haben über 30%, die steilsten Stellen sind gnädigerweise asphaltiert. Viele schieben schon, wir fahren alles durch. Dann die letzte wirklich steile Rampe. Jens fällt die Kette runter und muss vom Rad. Mich hat der Ehrgeiz gepackt und ich will unbedingt im Sattel bleiben und so ziehe ich durch bis oben. Ich warte kurz auf Jens, dann nehmen wir die nächsten, jetzt wieder flacheren Abschnitte nach Andalo in Angriff. Eine kurze Abfahrt, dann der letzte Kilometer. Sportplatz, Eishalle, Ziel. Swantje jubelt uns zu – sonst kaum einer. Wie im letzten Jahr bleiben in Andalo die Biker unter sich, Zuschauer aus dem Ort gibt es so gut wie keine. Schade.
Zielverpflegung. Jens: Shake. Ich: Brezel und Salami. Alles ist gut, nur noch eine Etappe, wir liegen gut im Rennen und sind uns sicher zu finishen und einige Plätze im Vergleich zum letzten Jahr gut zu machen. Bestens gelaunt machen wir uns auf den Weg ins Hotel. Ich fahre voraus, versuche einen Tisch in der Pizzeria vom letzten Jahr zu reservieren. Vergeblich. Die Angestellten können weder Englisch noch Deutsch und Italienisch scheint auch nicht ihre Stärke zu sein, denn auch die Übersetzungsversuche eines einheimischen Mitbikers scheitern am Unverständnis der Servicekräfte. Egal, wir werden schon ein Plätzchen zum Essen finden. Aber bis zum Abendessen ist noch Zeit, wir verschwinden erst mal im Hotel. Dusche, dann Tour de France. Der Fernseher ist selten dämlich angebracht, ich drehe mich im Bett und
– krack –
verrenke mir die Schulter.
Ein kurzer stechender Schmerz, es wird aber sofort besser. Als Cavendish Thor Hushovd ein weiteres Mal im Sprint abhängt, habe ich es schon wieder vergessen. Wir warten noch bis das Gelbe Trikot das Ziel erreicht, dann gehe ich mit Swantje ein Eis essen. Eine halbe Stunde später (der Service in der Eisdiele ist in Etwa so gut organisiert und sprachgewandt wie der in der Pizzeria) bummeln wir noch kurz in den Ort und dann noch mal in den Zielbereich. Ich schieße ein paar Fotos, dann ruft sich die Schulter plötzlich wieder in Erinnerung. Ein stechender Schmerz, es wird sekündlich schlimmer. Ich will zurück ins Hotel, doch ich komme die Treppe zur Straße nicht mehr hoch. Der Schmerz wird unerträglich, Swantje schleppt mich zurück in den Zielbereich. Notarzt. Der gibt sein bestes, stellt eine Blockade fest, kann sie aber nicht lösen.
Schmerzmittel. Schnell. Ich werfe mit ein Voltaren rein aber besser wird es nicht. Langsam schleiche ich mich zurück ins Hotel. Das Finishertrikot ist schlagartig in weite Ferne gerückt – so kann ich morgen unmöglich an den Start gehen. Ausgeschieden während ich Tour de France schauend auf dem Bett lag. Super. Im Hotel telefoniere ich erst mal mit Jens. Der kann es kaum glauben, dann setzt er mir die Elektroden seiner Masseuse an. Das Teil hat auch ein Therapieprogramm. Ich lasse es durchlaufen. Dann noch mal und noch mal und noch mal. Ich bilde mir ein, dass es hilft. Sicherheitshalber haue ich mir eine zusätzliche Ibuprofen 800 rein und lasse das Programm ein weiteres Mal durchlaufen. Swantje erkämpft mir in der total überlasteten Chaospizzeria zwischenzeitlich eine Pizza Diavola und ich bete, dass es morgen besser ist. Die Pizza kommt. dann schleppe ich mich ins Bad. Zähne putzen geht nur mit links, den rechten Arm kann ich nicht bewegen. Scheiße. Ich telefoniere kurz mit Jens, wie verabreden uns trotz allem wie gewohnt zum Frühstück. Licht aus.







Etappe 8. Von Andalo nach Riva.

Samstag, 24.07.2009 Andalo. 6. 20 Uhr, der Wecker klingelt. Wach bin ich schon seit knapp einer halben Stunde, die Schmerzen in der Schulter haben mich geweckt. Aber es ist besser als gestern und ich beschließe, auf alle Fälle zu starten. Sicherheitshalber frühstücke ich erst mal eine weitere Ibuprofen. Kurz darauf sitzen wir im Frühstücksraum des Hotels. Das Scherzmittel wirkt, ich kann den rechten Arm wieder heben und unsere Stimmung bessert sich.
Wir beschließen, uns früh in den Startblock zu stellen, um dem obligatorischen Stau am ersten Anstieg zu entgehen. Denn ich glaube zwar, dass ich fahren kann – vorm Schieben aber habe ich Schiss. Eine Stunde später ist es soweit: wir reihen uns ein letztes Mal im Startblock ein. Um uns herum lauter fröhliche, entspannte Gesichter – jeder freut sich auf Riva. Ich nehme noch eine weitere Ibuprofen – sicher ist sicher – und schon wird der Countdown zu letzten Etappe eingeläutet. „Highway to hell“, der Startschuss und wir sind auf der Strecke. Schon nach ein paar Metern merke ich: trotz der Schulter geht heute noch was: wir sind ziemlich schnell unterwegs, machen schon am ersten Anstieg einige Plätze gut. Kurz runter nach Molveno, dann beginnt der Schlussanstieg rauf zum Passo San Giovanni. Jetzt zahlt sich unsere Taktik aus – so weit vorne schiebt hier keiner, ich kann fahren und muss nicht vom Rad. Perfekt. Die Schmerzen sind zwar da, aber erträglich. Jens ist auch gut drauf und so machen wir weiter Platz um Platz gut. Dann eine Schranke, wir müssen kurz vom Rad, heben das Bike drüber „Aua“ und weiter geht’s. Jens ist direkt hinter mir.
Zwei Kehren weiter erreichen wir die Skistation, ich drehe mich nach Jens um – weg. Nicht mehr zu sehen. Ich bleibe stehen, warte. Dann frage ich vorbeifahrende Biker, ob sie ihn gesehen haben. Kopfschütteln. Langsam mache ich mir Sorgen, denke an den ersten Tag und Jensos Probleme, Luft zu bekommen. Dann kommen Steffen und Pierre vorbei. Steffen ruft mir zu, dass Jens weiter unten steht – Kettenklemmer. Kettenklemmer? Oder Kettenriss? Ich beschließe zurückzufahren, rase nach unten, entdecke endlich Jens. Er schiebt. Ich frage was los ist. Als Antwort zeigt er mir sein Pedal. Er hat es in der Hand, es ist gebrochen. Außerdem ist die Kette verbogen, so was habe ich noch nie gesehen. Scheiße. Wir legen die Kette von Hand auf das mittlere Blatt (das kleine funktioniert gar nicht mehr) und Jens versucht wieder zu fahren. Solange es halbwegs flach ist, geht das sogar. Langsam, aber es geht. Sobald es steiler wird, droht die Kette zu reißen. Dazu findet er natürlich auch keinen Halt auf der Pedalachse. Also schieben wir. Team um Team zieht an uns vorbei, unsere Frustration weicht aber langsam aber sicher Galgenhumor. Denn eins ist klar: wir werden die Etappe und das Rennen beenden – egal wie.
Eine Ewigkeit später erreichen wir den Passo San Giovanni und können es endlich mal wieder rollen lassen. Dann der Einstieg in den Monte Gazza-Trail. Ich fahre auf ein paar andere Teilnehmer auf. Die sind langsam. Zu langsam. Mein Vorderrad bleibt an einem Stein hängen, das Hinterrad kommt hoch. Um nicht unkontrolliert zu stürzen, springe ich sicherheitshalber über den Lenker ab. Weich lande ich in den Büschen am Weg. Was macht meine Schulter? Tut weh. Wo ist meine Brille? Ist da. Wo ist mein Handy? Ist weg. Aus der Trikottasche gefallen. Eine kurze Suchaktion bleibt erfolglos, Scheiß drauf. Weiter. Jens muss sowieso laufen, ich versuche zu fahren. Aber inmitten vieler Schiebenden ist das sinnlos – ich muss dauernd wieder vom Rad und finde so keinen Rhythmus für den Trail. Also laufe ich das meiste auch. Irgendwann folgt eine kurze Teerpassage, dann wieder ein Trail. Der Trail ist fast frei, ich kann endlich wieder fahren. Auf einer Straße spuckt er mich aus, ich warte auf Jens und gemeinsam rollen wir langsam weiter. Verpflegungsstation, kurz füllen wir die Flaschen auf, legen die Kette an Jensos Rad aufs große Blatt und los geht’s: erst auf Beton steil bergab, dann mehr oder weniger flach durch die Marrocce und endlose Obstplantagen nach Riva. Wir fahren schnell, den drohenden Kettenriss aber immer im Hinterkopf. An flachen Gegenanstiegen schiebe ich Jens damit er nicht unnötig viel Druck auf die Kette ausüben muss, die steileren schiebt er kurz hoch. Wir erreichen Arco, dann fahren wir in Riva ein, donnern durch einen letzten Kreisverkehr, kurz rechts, Swantje steht am Rand, jubelt, und schon sind wir im Ziel. Als Finisher. Wir haben es geschafft: 7 Etappen, über 600 Kilometer, knapp 20.000 Höhenmeter. Und allen Hindernissen zum Trotz. Yeah.










Das komplette Fotoalbum aller Etappen gibt's hier:

TransalpChallenge-2009

Highway to Hell - Transalp Challenge 2008

Tag 0

Freitag, 19.07.2008. Frankfurt. Es geht los. das wahrscheinlich kleinste Teammobil aller knapp 1200 Transalpteilnehmer rollt total überladen gen Füssen – dem Startort der diesjährigen Transalp Challenge. Uns geht es gut (noch), unseren Bikes geht es gut und selbst das Wetter spielt entgegen den Vorhersagen noch mit. Nach 5 Stunden: Füssen. Akkreditierung. Erste Nervosität angesichts des wandgroßen Höhenprofils aller Etappen am Stück. Dann schnell ins Hotel, Einchecken und ab zur privaten Pasta-Party. Einen kurzen Spaziergang durch Füssen später sind wir schon wieder im Zimmer. Zeit ins Bett zu gehen, am nächsten Morgen um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.


















1. Etappe: Füssen - Imst

Samstag, 19.07.2008 Füssen. Der Wecker reißt uns unsanft aus dem Schlaf. Es ist 6 Uhr. Immerhin: ein perfekter weiß-blauer Himmel. So wie man es in Bayern erwartet. Frühstücken, dann rein in die Radklamotten. Zum ersten Mal fertig machen zum Start. Noch ein paar Kilometer warmfahren, dann rollen wir in den Startblock. Das erste was wir lernen: Jeantex – die Sportklamottenmarke – wird nicht Jeantex (wie die Jeans) sondern Jantex ausgesprochen. Der musikalische Reigen wird, wie fortan jeden Morgen, mit „It’s like that“ (Run DMC feat. Jason Nevins) eröffnet. Noch zwei Minuten bis zum Start der ersten Etappe der Transalp Challenge. Was uns erwartet kündigt dann AC/DC an: Highway to Hell. 3,2,1 – und nichts geht los. Denn der Start wurde neutralisiert, im Schritt-Tempo rollen wir durch Füssen bis Rennleiter Uli Stanciu das Rennen, vorneweg fahrend, freigibt. In einem Höllentempo absolvieren wir die ersten flachen Kilometer, nehmen die ersten lockeren Steigungen und stehen plötzlich vor dem ersten wirklichen Berg. Von schnell kann jetzt keine Rede mehr sein. Steil geht es hoch zum Marienbergjoch. Bald beginnen die ersten zu schieben. Wir erreichen den Gipfel und rasen bergab bis Imst. Ein bisschen Windschattenfahren, ein paar Kehren und dann sind wir da. Die erste Etappe? 80,11 Kilometer! 1962 Höhenmeter! Abgehakt. Abends beim Essen im Hotel dann das was wir schon die ganze Zeit geahnt haben: das Wetter schlägt um, es fängt an zu regnen.

















2.Etappe: Imst - Ischgl

Sonntag, 20.07.2008 Imst. Der erste Blick beim Aufstehen gilt dem Wetter. Es regnet in Strömen, die Berggipfel um uns herum sind wolkenverhangen. Aber bis zum Start um 9.00 Uhr sind es ja noch 3 Stunden, es kann eigentlich nur besser werden. Und tatsächlich – eine Stunde vor dem Start tröpfelt es nur noch leicht, erste blaue Stellen zeigen sich am Himmel. Um 8.30 Uhr rollen wir in den Startblock. Swantje ¬– unsere Betreuerin und Fahrerin des Teamautos sorgt noch schnell dafür, dass wir mit frisch gefüllten Trinkflaschen an den Start gehen. Und los geht’s: Highway to Hell. Part II. Erst kurz flach durch Imst, dann steil hinauf zum Imsterberg und zur Venetalm. Es nieselt wieder leicht, die Klamotten werden klamm. Schnell bringen wir den Anstieg hinter uns, dann die rasende Abfahrt nach Wenns und sofort wieder rauf zur Pillerhöhe. Dank der Zuschauer an der Passhöhe stellt sich kurz Tour de France–Feeling ein, dann sind wir wieder unter uns. Hinab nach Landeck, dann rauf zum Almstüberl. Hört sich gemütlich an – ist es aber nicht. Denn was danach kommt, entpuppt sich als schwer zu fahrender glitschiger Trail, der ordentlich Körner kostet. Ein Teil der Fahrer schiebt, ich fahre ihn fast komplett – um mich dann auf der folgenden einfachen Teerabfahrt abzulegen. Prima. Der erste Blick gilt dem Bike – alles OK. Der zweite mir selbst: Der Oberschenkel sieht aus wie nach einer Blutgrätsche auf dem Hartplatz. Lecker. Aber egal – das langsam vor sich hin tropfende Blut korrespondiert super zum Ogilvy-Rot unserer Trikots. Noch 20 Kilometer bis Ischgl. Es wird Zeit, Gas zu geben. Doch das Höhenprofil des Roadbooks zeigt sich hier deutlich harmloser als die Realität. Was sich scheinbar flach im Höhenprofil zeigt, stellt sich in Natura irgendwie etwas anders dar. Kurze Rampen wechseln mit kurzen Abfahrten, die letzten Kilometer kosten noch mal richtig Kraft. Dann endlich: Licht am Ende des Tunnels. Ischgl taucht auf, noch 2 letzte fiese Anstiege, eine Straßenunterquerung – dann rollen wir auf den Marktplatz. Die zweite Etappe: 76,4 Km. 3171 Hm. Und der erste wirkliche Vorgeschmack auf das, was uns noch erwartet. Doch daran verschwenden wir noch keine Gedanken. Zuerst werden die Wunden versorgt (ein Sanitäter und keine –in), dann die Bikes. Wir sind schon längst geduscht, als auch das Wetter plötzlich wieder zum Thema wird. Ein Gewitter mit sintflutartigen Regenfällen und Hagelschauern legt Ischgl lahm. Als wir erfahren, dass noch 11 Teams auf der Strecke sind, ordern wir gerade das Dessert.





















3. Etappe: Ischgl - Scoul

Montag, 21.07. 2008 Ischgl. Plitsch. Platsch. Regen rinnt die Scheiben hinab, der Himmel ist dunkelgrau. Draußen sind es knapp 6°C, wir sind auf 1400m über NN und müssen auf 2700 rauf. Was das bedeutet, ist klar: Neuschnee. Eigentlich kein Wetter, bei dem man sich vergnüglich aufs Bike schwingen möchte. Aber wir sind ja auch nicht zum Vergnügen hier. Und so stehen wir Punkt 8.30 Uhr mit den anderen knapp 1200 Bikern in den Startblöcken, drängen uns unter Hausvordächern und Regenschirmen. Startschuss. Weil’s so schön ist, fahren wir gleich zweimal durch den Ort, dann geht es ab auf die Skipiste. Bergauf selbstredend. Der Rhythmus am Berg ist schnell gefunden, ein paar Opfer ebenso. Bis zur Mittelstation rollt es flüssig, dann pfeift uns schneidender Wind entgegen, die ersten Graupelschauer und Schneeflocken lassen grüßen. Mittelstation. Idalpe. Swantje ist mit der Gondel hochgefahren und leistet uns hier noch ein letztes Mal Unterstützung. Mitten im Nirwana der Berge. Gut, was eine perfekte Betreuung ausmachen kann. Dann sind wir auf uns allein gestellt. Steil zieht sich der Weg die letzten 400Hm bergauf, die meisten schieben längst. Wir fahren zwar – deutlich schneller als die schiebenden sind wir aber nicht. Endlich: das Idjoch. Am Gipfel reißen die Wolken auf, ein grandioser Blick bietet sich uns. Zeit, ihn wirklich zu genießen haben wir aber nicht, denn sofort stürzen wir uns in die Abfahrt nach Samnaun. Wir sind schnell, sehr schnell. So schnell, dass mein Puls plötzlich 260 anzeigt. Der Pulsgurt scheint der flatternden Windjacke nicht gewachsen zu sein. Überall quietschen Bremsen, die Landschaft fliegt vorbei. Dann die Verpflegungsstation. Flaschen auffüllen, Riegel futtern und weiter. Ein letzter quälender Anstieg, dann rasen wir in einer Gruppe flach bis Scuol. Kurz rechts, dann links, schon sind wir da. Schnee und Eis am Idjoch scheinen schon vergessen. Hier unten sind es 30°, die Sonne scheint. Überall Zuschauer, Biker und Helfer – nur Swantje fehlt. Defekt. Am Auto. Aber zum Glück schon repariert. Dann das Übliche: Bikes waschen, Biker waschen, ein Restaurant suchen, Nudeln und ab in Bett.























4. Etappe: Scoul - Livigno

Dienstag, 22.07.2009 Scoul. Von den gestrigen 30°C ist nichts mehr zu spüren, als wir in Shorts und T-Shirts zum Frühstück stapfen. Es nieselt leicht, die Berge hängen wieder in den Wolken. Na ja – heute geht es nach Italien und da scheint ja eigentlich immer die Sonne. Hoffen wir. Zunächst aber geht es wie jeden Morgen erst mal ordentlich bergauf. Zum Glück hält sich die Steigung in Grenzen – mehr als 12% sind es selten. Zuerst auf Teer, dann Schotter. Schließlich ein schöner, flowiger Trail hinauf zum Pass de Costainas. An der Passhöhe dann ein kurzes Steilstück bergab. Viele schieben – natürlich in der Ideallinie. Prima. Zum Glück ist der Weg breit genug, um dennoch im Sattel zu bleiben. Weiter geht es bergab bis ins Münstertal. Und wo’s runtergeht, geht’s auch wieder rauf. Zunächst durch einen lichten Wald, dann zwischen blankem Fels kurbeln wir Meter um Meter nach oben. An der Passhöhe erwartet uns ein gigantisches Hochtal. Und leider auch Gegenwind. Obwohl es leicht bergab geht, müssen wir treten was das Zeug hält. Entspannung fühlt sich irgendwie anders an. Gut nur, dass es den anderen auch nicht besser geht als uns. Dann der Abzweig zum Val Mora. Wir rumpeln über einen Wiesentrail, dann schlängelt sich der Weg ausgesetzt an einem Bach entlang. Es geht immer wieder kurz steil bergauf und dann genauso steil wieder bergab. Fast wie in der Achterbahn. Viel zu schnell erreichen wir so den Lago di Fraele. Zwischen uns und unserem heutigen Etappenziel liegen noch ein Pass und zwei Berge. Und ein paar Schnee- und Graupelschauer, wie sich ein paar Höhenmeter später herausstellt. Also, Regenjacken an und durch. Bis Livigno. Wir rollen bis kurz vor den Ort, dann plötzlich zeigt ein Pfeil nach rechts. Rechts? Kann nicht sein, schließlich liegt Livigno direkt vor uns. Ich kann die Pizza schon riechen. Doch nichts ist mit Pasta und Pizza. Den Ort und damit das Ziel ständig vor Augen geht es noch ein letztes Mal steil den Berg hinauf. Endlich eine Kuppe. Direkt dahinter lauert die nächste. Und dahinter die nächste. Und dahinter die nächste. Und dahinter die nächste ... Die berühmten letzten Meter sind zermürbend. Und so langsam schwinden die Kräfte. Dann geht es endlich endgültig bergab. Livigno. Wir sind ziemlich erschlagen. Müde rollen wir ins Hotel, waschen unsere Bikes und schauen auf Eurosport noch schnell ein paar anderen Radhelden zu, die gerade quer durch Frankreich rollen. Dann gehen wir Pizza essen. Lecker. So wie die Riesenportion Nudeln vorneweg. Und das Panna Cotta hinterher. Den Radhelden in Frankreich würde sich wohl der Magen umdrehen.


















5. Etappe: Livigno - Naturns

Mittwoch, 23.07.2008 Livigno. 6.30 Uhr. Wir sitzen im Frühstücksraum. Gerade kommen die Croissants aus dem Ofen, draußen scheint schon die Sonne. Idylle pur. Wäre da nicht die Gewissheit, dass uns heute noch einiges bevorsteht: 122,2 Km, 2909 Hm. Die erste Königsetappe. Und mit den beiden Trails vom Passo di Val Trela und weiter zur Borchetta di Forcolla ganz sicher zwei der absoluten Highlights dieser Transalp. Doch beide Trails muss man sich redlich verdienen: lang ziehen sich die Auffahrten, gelegentlich zwingen einen steile Rampen oder aber schwächelnde Biker kurz vom Rad. Zum Glück teilt sich das Feld schnell auf und wir sind weit genug vorne dabei um alles, was fahrbar ist auch fahren zu können. Andere trifft es hart: zuerst schieben sie bergauf. Dann bergab. Doch auch wir kommen nicht reibungslos durch: bei der Abfahrt fange ich mir einen Durchschlag ein. Reifen raus, Schlauch raus, alles klappt reibungslos. Dann passt das Gewinde der CO2-Kartusche nicht in die Pumpe – jetzt weiß ich, warum ich die Dinger so supergünstig erwerben konnte. Internetauktionshaus? Scheiße! Wertvolle Zeit verstreicht, dann endlich ist der Reifen wieder drauf. Laune und Flow sind aber erstmal dahin. Ich springe aufs Rad, will Gas geben, schalte und falle fast vom Rad: Schaltzug gerissen. Ich könnte kotzen. Und das hört man auch. Ausgerechnet hier ein Defekt, den man mit Bordmitteln nicht beheben kann. Ins Ziel sind es noch über 60 Kilometer, es geht noch ein paar Berge rauf und ich kann nicht mehr schalten. Fluchend fahre ich weiter, bei steilen Rampen muss ich kurz vom Rad und schiebe. Trotzdem verlieren wir jetzt keine Plätze mehr – auf dem engen Trail kann nämlich keiner überholen. Dann der Umbrailpass. Und die Rettung: die Mechaniker vom Cube-Profi-Team stehen am Rand. Doch die Hoffnung stirbt schnell: die Mechaniker sind ratlos und wollen den Schaltzug mit einem Kabelbinder fixieren. Schwäbischer Erfindergeist der etwas weltfremd erscheint. Also weiter. Ohne Schaltung. Mist. Wir lagen so gut im Rennen. Dann ein weiteres Betreuerteam. Diesmal sind es die Jungs von Merida. Die schauen sich meine Schaltung kurz an, wechseln ein paar Worte auf Tschechisch und dann, innerhalb von 3, 4 Minuten: „Have a nice race“. Ich könnte sie knutschen, alles geht, wir sind wieder im Rennen. Also: Attacke. Mit erhöhtem Adrenalinpegel fahren wir ab sofort voll auf Angriff, überholen Team um Team, schließen dann zu zwei Jungs aus Neuseeland auf und bleiben dann als Gruppe zusammen. Zu viert arbeiten wir gut zusammen und rasen mit durchschnittlich 40 km/h durch die Apfelplantagen nach Naturns, nehmen den letzten Berg im Sturm und rauschen ins Ziel. Die Aufholjagd hat sich gelohnt: wir haben zwar ein paar Plätze, aber kaum Zeit verloren. Auch den Startblock konnten wir halten. Super. Auch super: die Shimano-Mechaniker, die sich jetzt noch mal um meine Schaltung kümmern. Kostenlos. Wir sitzen kurz in der Sonne, dann chauffiert uns Swantje in unser Hotel. Wir sind seit über 2 Stunden im Ziel aber immer noch sind Teams auf der Strecke. Später erfahren wir, dass es heute einige viel schlimmer erwischt hat als uns: Einer hat unterwegs bei einem Absturz sein Bike verloren und nicht wieder gefunden, andere schaffen das Zeitlimit nicht und werden aus dem Rennen genommen. Highway to hell? Wenn Bon Scott gewusst hätte, wie Recht er damit hatte...






















6. Etappe: Naturns - Kaltern

Donnerstag, 24.08.2008. Naturns. Die Zahl des Tages: Dreitausendneunhundersiebenundvierzig Höhenmeter. Soviel sind wir an einem Tag noch nie gefahren. Nicht im Training. Nicht im Rennen. Und wer weiß, ob wir jemals wieder soviel Qual am Stück auf uns nehmen. Was selbst ein Karl Platt (der spätere Gewinner der TAC) von der Etappe hält, lassen die Worte „Der Uli (Stanciu) ist ein Assi“ erahnen. Den anderen Teams scheint die Etappe ebensoviel Respekt einzuflössen wie uns – im Startblock geht es viel ruhiger zu als sonst. Direkt nach dem Start der Stau. Eine geschlossene Bahnschranke bremst das Feld aus, dahinter erkennt man schon die ersten Meter des Anstiegs. Die Gesamtführende der Frauen, Pia Sundstedt, hat hier schon einen Platten. Noch mal tief durchatmen, konzentrieren, die Schranke öffnet sich und das Rennen beginnt von vorn. Ein paar stürmen in den Berg, als ob es der letzte wäre. Wir lassen uns nicht provozieren, finden schnell unseren Rhythmus. Schnell merken wir, dass wir Platz um Platz gut machen. Immer mehr Teams fallen zurück. Noch 800 Höhenmeter. Noch 600. Noch 100. Wir sind ziemlich weit vorne, als wir den Gipfel erreichen. Schnell noch ein Gel und dann rein in die Abfahrt. Grober Schotter. Bremsen auf, Ideallinie halten und durch. Dann eine scharfe Kehre und ab geht’s auf einen rumpeligen, teilweise verblockten Trail. Plötzlich ist Fahrtechnik gefragt. Und den Mut, die Bremsen trotz unzähliger Steinstufen und Wurzelteppiche offen zu lassen. Dann spuckt mich der Pfad auf einer schmalen Bergstraße aus. Ich schaue mich um – Jens ist nicht in Sicht. Die ersten Konkurrenzteams ziehen vorbei. Von Jens immer noch keine Spur. Ich frage andere Biker anderer Teams. Keiner weiß was. Ich befürchte Schlimmeres. Dann ein roter Klecks im Grün des Waldes: Jens! Am Leben. Aber lädiert von einem Sturz. Das Trikot ist hin, der Helm hat ‘mehrere Dellen, die ohne Helm wohl jetzt im Kopf wären. Die Schulter schmerzt. Aua. Noch 2 Berge. Noch zwei harte Trails. Kämpfen. Nach ein paar Kilometern läuft es wieder flüssiger, dann die nächste Abfahrt, der nächste Trail und der nächste Sturz. Wieder Jens. Wieder die Schulter. Und der Kopf. Autsch. Ab sofort geht es nur noch vorsichtig weiter. Das Etappenziel wirkt unerreichbar fern. Denn neben den Kohlenhydratspeichern, scheint jetzt auch der Kopf völlig leer zu sein. Nochmal eine Verpflegung, das letzte Mal die Flaschen füllen. Ein weiterer Berg. Eine weitere Abfahrt. Dann schlägt uns schwüle Wärme entgegen, am Talboden schimmert ein See. Kaltern kommt in Sicht, das Etappenziel ist nun in greifbarer Nähe. Ein paar Kehren noch, dann die Ziellinie. Geschafft. Jens verschwindet sofort bei den Sanitätern. Die den Helm sehen und ihn eigentlich gleich entsorgen wollen. „Der ist hin. Wennst’ mit dem weiterfährst, kannst’ auch ne Wollmütze aufsetzen“. Eine genaue Diagnose zur Schulter können sie allerdings nicht abgeben. Ab ins Krankenhaus. Zum Röntgen. Swantje fährt ihn nach Bozen. In der Notaufnahme warten schon ein paar Kollegen. Ich kümmere mich um die Bikes. Und hoffe, dass es weitergeht. Bloß kein Bruch. Im 10-Minuten-Takt rufe ich an, auch nach 1 Stunde noch nix neues. Dann endlich der erlösende Anruf: Nur geprellt. Der Dottore hat was von mehreren Tagen Ruhe erzählt. Der spinnt: Andalo, wir kommen.




























7. Etappe: Kaltern - Andalo

Freitag, 25.07.2008. Kaltern. Jens ist noch immer gezeichnet, aber er wird fahren können. Gut. Jetzt so kurz vor dem Ziel aufgeben zu müssen, hätte wirklich wehgetan. Wir sind spät dran und rollen erst knapp 20 Minuten vor dem Start in den Block. Anspannung macht sich breit – heute heißt es, sich durchzubeißen. Die Etappe ist zwar nicht so hart wie gestern, aber mit über 3000 Hm noch hart genug. Dazu ist es zum ersten Mal während dieser Transalp wirklich heiß. Highway to hell. Und los. Rauf zum Graunerjoch. Wir sind schwerfälliger unterwegs als sonst, aber auch bei anderen Teams machen sich die Strapazen langsam bemerkbar. Um uns herum wird gekeucht, geflucht und gestöhnt. 1400 Höhenmeter später stehen wir am Graunerjoch. Ich biege in den ersten Trail bergab ein, Jens folgt kurz später. Vorsichtig. Die beiden Stürze von gestern sitzen ihm noch in den Knochen. Aber vor allem im Kopf. Trail folgt auf Trail, jeder fährt sich anders: flowige und schnelle Abschnitte wechseln mit technischen Passagen. Teilweise rollen wir über feinsten Waldboden, dann hoppeln wir über üble Geröllstücke bergab. Endlich die Talsohle. Hier steht die Hitze, der Asphalt flimmert, der Schweiß läuft in Bächen. Es brennt höllisch in den Augen und in den noch immer offenen Wunden. Wir kämpfen uns wieder an ein paar Teams vorbei, machen ein paar Plätze gut, die wir auf der Abfahrt verloren haben und schließen kurz vor dem finalen Anstieg nach Andalo zu einer größeren Gruppe auf. Gut für die Motivation. Noch 800 Höhemeter. Die meisten sind schon längst am Schieben, wir fahren. Es wird steil. Und steiler. Wir fahren. Der Wald lichtet sich, eine Kirchturmspitze ist zu sehen. Andalo. 20 Minuten später sind wir da. Wir rollen durchs Ziel, haben viele Plätze verloren aber die Schlacht gewonnen. Denn jetzt ist klar: wir werden den Gardasee erreichen. Komme, was da wolle. Abends Pizza, Nudeln und Panna Cotta. Kalorien sind Kalorien sind Kalorien. Und überall Biker, die wie befreit wirken. Nur noch eine Etappe bis zum Gardasee. Nur noch ein paar Kilometer zum großen Ziel. Und nur noch ein einziges mal AC/DC.





























8. Etappe: Andalo - Riva

Samstag, 26.07.2008. Andalo. 6.30 Uhr. Frühstück. Dann Popo einschmieren nach dem Motto „Viel hilft viel“, die Ketten ölen, und ab in den Startblock. Alles wie in den Tagen davor. Und doch so anders. Denn nur noch knapp 1500 Höhenmeter und 65 Kilometer trennen den riesigen Tross aus Fahrern, Betreuern und Helfern vom Gardasee. Entspannung macht sicht breit. Auftritt Uli Stanciu, Rennleiter: „Viel Spaß, lange Auffahrt, dann bitte Vorsicht beim Trail vom Monte Gazza: lang, ausgesetzt, glitschig. Technisch schwierig, daher an der Seite schieben, um Platz zu lassen für die, die den Trail fahren wollen “. Schlagartig ist von Entspannung nichts mehr zu spüren. Die einen fürchten den Trail, die anderen fürchten, von Schiebenden aufgehalten zu werden. Highway to hell. Ein letztes Mal dröhnt AC/DC aus den Boxen, ein letztes Mal rollen wir unter dem Jubel vieler Zuschauer über die Startlinie. Zuerst kurz und knackig. Dann – nach einer schnellen Abfahrt – lang und knackig. Auf grobem Schotter und mit stellenweise weit über 20% Steigung geht es rauf zum Passo San Giovanni. An der total verlassenen Skistation dröhnt Partymucke aus den Boxen. Skuril irgendwie. Als es mal ein paar Meter bergab geht, fühlt sich der Untergrund plötzlich schwammig an. Dann rolle ich auch schon auf der Felge. Platten. Juhu. Obwohl es wie eine Ewigkeit vorkommt, sitzen wir knapp 4 Minuten später schon wieder auf den Bikes – vorher ramme ich mir noch einen Zahn des Zahnkranzes tief in den Finger. Dann endlich: die Hochebene und der Passo San Giovanni. Zum ersten Mal blicken wir auf den Gardasee. Dann taucht der Einstieg zum Trail vor mir auf. Davor: eine Horde Biker, alle stehen rum, keiner fährt. Mist. Ich reihe mich in die Schlange ein, wenig später kommt auch Jens dazu. Geduldig schieben wir die ersten 50 Höhenmeter bergab, dann endlich eine Lücke. Schnell versenke ich den Sattel und fahre bzw. rutsche los. Teilweise über 30% Gefälle. Schmal, verblockt und mit nassen Wurzeln durchsetzt. Die ersten Meter sind die Hölle. Die meisten schieben – auch ich steige ein paar Mal vom Rad. Doch mit Radschuhen fällt das Gehen hier schwerer als das Fahren. Langsam hoppele ich zusammen mit zwei Amerikanern weiter den Trail bergab, dann eine Spitzkehre. Wir müssen kurz halten, weil vor uns einer in der Kurve liegt. Plötzlich ein Schrei: „Aaaaaatteeentioonn!!!!“. Ein Wahnsinniger kracht uns in die Räder. Mich und die beiden Amerikaner schmeißt es um, als ich mich wieder hoch rappele ist der Hebel meiner Vorderradbremse weg. Super. Was jetzt? Schieben? Jetzt, wo der Trail endlich flowiger wird? Wäre ja noch schöner. Also langsam und vorsichtig weiter. Und nur ganz, ganz sachte am Bremshebel ziehen, bloß nicht driften. Und bloß die Bremse nicht überhitzen. besser als gedacht erreiche ich das Ende des Trails und die Verpflegungsstation. Ich warte kurz auf Jens, dann folgt eine üble Betonpistenabfahrt. Eigentlich Hochgeschwindigkeitstauglich, mit nur einer Bremse aber nicht machbar. Ein Südafrikaner schießt an uns vorbei – sein Rad schlingert kurz, und er kracht filmreif in die Randbegrenzung, bleibt benommen liegen. Wir rufen die Sanitäter, dann taucht sein Partner auf und wir können weiter. Noch 20 Kilometer bis Riva. Flach, das meiste auf dem Weg des Garda Bike-Marathons durch die Marocce. Das grobe Geröll macht vielen zu schaffen – rechts uns links des Wegs werden Reifen geflickt. Wir fahren was das Zeug hält – und werden von einem fliegenden Holländer jäh gebremst. Aus dem Nichts rauscht er mir ins Rad, mit knapp 40 km/h rutsche ich über den Schotter. Arme voraus. Zusammen mit zwei weiteren Niederländern nehmen wir die Verfolgung auf. Dann ein Ortschild der Freude: Riva del Garda. Rechts. Links. Der Zielbogen. Und dann überqueren wir nach 8 Tagen, 660 Kilometern und knapp 22.000 Höhenmetern das Ziel. Als Finisher der Jeantex Transalp Challenge 2008.





























PS: Ein ganz großes „Danke schön“ an Swantje, die sich während der 8 Tage super um uns gekümmert hat, so dass wir uns nur um das Rennen und um nix sonst Gedanken machen mussten. Und ein dickes Danke auch an Ogilvy, die uns unsere Trikots spendiert haben. Und so dafür sorgten, dass wir wenigstens am Start immer gut aussahen.

Die gesammelten Fotos gibt's übrigens hier

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